Pressemitteilung —
Hephata-MVZ: Seminar zu Diagnose und Behandlung von Epilepsie
Wann darf ich wieder Auto fahren? Kann ich trotzdem Kinder bekommen? Bedeutet ein normales EEG, dass ich keine Epilepsie habe? Und: Welche Möglichkeiten bringen neue Medikamente? Diese und viele weitere Fragen waren Thema beim Arzt-Patient*innen-Seminar des Hephata-MVZ Schwalmstadt-Treysa am vergangenen Dienstagabend.
„Epilepsie verstehen: Ursachen, Diagnose und Therapie. Leben, Alltag und moderne Möglichkeiten“, dazu sprach Dr. Sirous Javidi, medizinischer Leiter des Hephata-MVZ am Standort Schwalmstadt-Treysa und Facharzt für Neurologie, Schlafmedizin und Epileptologie. Betroffene und Familienangehörige aus Alsfeld, Schwalmstadt und Umgebung waren dafür in den großen Vortragsraum der Hephata-Klinik gekommen und nutzten im Anschluss die Möglichkeit, persönliche Fragen zu stellen.
Definition und Diagnose
„Epilepsie ist wie ein Gewitter im Kopf. Wie ein Blitz kann es zu einem Anfall kommen. Epilepsie ist eine behandelbare neurologische Erkrankung des Gehirns mit anhaltender Neigung zu epileptischen Anfällen“, eröffnete Dr. Sirous Javidi seinen Vortrag. Die Anfälle entständen durch eine vorübergehende Störung der Nervenzellen. Dabei gelte nicht jeder Anfall als eine Epilepsie. „Für eine Epilepsie müssen zwei nicht provozierte Anfälle im Abstand von mehr als 24 Stunden stattfinden oder ein Anfall plus ein hohes Wiederholungsrisiko vorhanden sein.“ Für die Diagnose sei ein Zusammenspiel von Untersuchung, Anfallsbeschreibung, EEG, MRT, Abklärung genetischer Risikofaktoren, Blut- und manchmal auch Liquor-Untersuchungen nötig.
„Ein EEG gilt als eine der wichtigsten Diagnosemöglichkeiten, ist jedoch bei 30 Prozent der Betroffenen unauffällig. Deswegen ist eine Kombination mehrere Diagnosemöglichkeiten wichtig. Eine besondere Rolle kommt hier der Anamnese und dem genauen Hinterfragen der Umstände und des Verlaufs epileptischer Anfälle zu“, so Javidi. „Genaue Beschreibungen bedeuten eine richtige Diagnose, eine richtige Diagnose bedeutet eine richtige Medikamentenauswahl, eine richtige Medikamentenauswahl bedeutet im Idealfall Anfallsfreiheit.“ Die medikamentöse Therapie sei unter anderem auch von der Form der Epilepsie abhängig. Dabei würden die strukturelle, die genetische und seltenere Formen unterschieden. Zur strukturellen Form gehörten unter anderem Schlaganfall, Tumore oder auch Hirnverletzungen. Seltenere Formen hätten beispielsweise infektiöse oder auch immunologische Ursachen.
Symptome
Epileptische Anfälle gingen meistens von einem Bereich einer Hirnhälfte, fokal, aus oder seien generalisiert, in beiden Hirnhälften, verortet. Je nachdem in welcher Region die Anfälle aufträten, unterschieden sich die Symptome: „Betroffene können motorische Symptome haben, das Bewusstsein kann eingeschränkt sein, manche Betroffene können bei Anfällen nicht sprechen, manche Betroffene haben Gedächtnislücken nach dem Anfall. Außerdem treten Angst oder Depression häufig begleitend auf. Es ist wichtig, die Symptome genau zu erfassen, weil sie Aufschluss darüber geben, wo eine Epilepsie produziert wird und wie sie sich verbreitet. Daraus leitet sich die Behandlung ab.“
Trigger für Anfälle
Begleitend zur Behandlung sei es wichtig, auch die Trigger der Erkrankung zu kennen: „Schlafmangel ist der Haupttrigger für epileptische Anfälle. Danach kommen Alkohol und Stress. Für zehn Prozent der Betroffenen ist es flackerndes Licht. Die Trigger können sehr verschieden sein. Ich empfehle meinen Patientinnen und Patienten ein ausführliches Anfallstagebuch zu führen und auch mit dem Handy Fotos oder Videos der Anfälle aufzunehmen.“ Bei manchen Patientinnen beeinflussten zudem Hormone die Anfallsbereitschaft, umgekehrt beeinflussten manche Medikamente die Wirkung hormoneller Verhütung oder könnten sich negativ auf eine Schwangerschaft auswirken. „Frauen im gebärfähigen Alter dürfen nicht alle Medikamente nehmen. Trotzdem können Frauen mit Epilepsie und unter medikamentöser Therapie heute Kinder bekommen, allerdings mit mehr Planung.“
Erste Hilfe leisten
Neben einem Anfallstagebuch rät Javidi seinen Patient*innen auch dazu, einen Notfallausweis bei sich zu tragen und das eigene Umfeld zu schulen. „Das gibt bei einem Anfall mehr Sicherheit. In der Regel dauert dieser anderthalb bis zwei Minuten.“ In dieser Zeit gelte es, Ruhe zu bewahren, gefährliche Gegenstände zu entfernen und den Kopf zu schützen. „Früher hat man dazu geraten, Betroffene festzuhalten oder ihnen etwas in den Mund zu stecken. Heute weiß man, dass das falsch ist.“ Nach dem Anfall sollten Betroffene in die stabile Seitenlage gelegt und abgewartet werden, bis sie wieder zu sich kommen. „Wenn ein Anfall länger als fünf Minuten dauert, muss man einen Notarzt rufen, da es sich dann um einen status epilepticus, einen neurologischen Anfall, handeln kann.“
Auswahl und Ziele der Therapie
Anfallsfreiheit plus eine Verbesserung der Lebensqualität seien die Ziele einer Epilepsietherapie. „Teilhabe in Familie, Beruf und Freizeit sowie Mobilität sind wichtige Eckpunkte. Unsere Behandlung soll den Alltag verbessern, nicht nur das EEG.“ Die medikamentöse Therapie sei dabei die erste Wahl. „Bei therapieresistenten Epilepsiepatienten, können aber auch chirurgische Maßnahmen in Betracht kommen. Dann kann die epileptogene Zone unter Berücksichtigung des Risikos entweder durch eine offene Operation, eine Lasertherapie oder eine Verödung entfernt werden“, so Javidi. Je früher diese Operation durchgeführt werde, desto höher sei die Chance auf eine vollständige Anfallsfreiheit. „Es ist wichtig, sich von Anfang an in die Behandlung von Fachärztinnen und Fachärzten zu begeben. Diese treffen gemeinsam mit den Betroffenen die Entscheidung, welche Therapie die richtige sei.
Bei der medikamentösen Therapie sei zudem die Dosierung gut abzuwiegen, um mögliche Nebenwirkungen möglichst zu minimieren und gegen eine totale Anfallsfreiheit abzuwägen. Zudem seien eine gute Aufklärung und eine regelmäßige Einnahme entscheidend für den Therapieerfolg. „Es gibt heute viele verschiedene Wirkstoffprofile, die eine individuelle Therapie, angepasst an die individuellen Lebensumstände, möglich machen.“ Rund 70 Prozent der Betroffenen würden mit Medikamenten dauerhaft anfallsfrei. Nach einer längeren Anfallsfreiheit und abhängig vom Epilepsietyp könne dann manchmal auch versucht werden, Medikamente wieder abzusetzen. „Das bedeutet, dass Medikamente langsam und ärztlich begleitet abgesetzt werden, sonst kann es gefährlich werden. Zum Beispiel kann es in der Umstellungsphase sein, dass Betroffene kein Auto fahren dürfen. Wobei, je nach Epilepsietyp, Autofahren nach stabiler Anfallsfreiheit generell wieder möglich sein kann.“
Selbstmanagement
Den Erfolg der medizinischen Therapie könnten Betroffene durch ein gutes Selbstmanagement günstig beeinflussen. Neben einem regelmäßigen Lebensrhythmus, dem Verzicht auf Nikotin und Alkohol und der Reduzierung von Stress, zähle dazu auch eine ketogene Diät: „Diese Ernährungsform wird in Deutschland weniger beachtet, ist aus meiner Sicht aber wichtig. In den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts hat man in Amerika bemerkt, dass Epilepsiepatienten in Fastenzeiten weniger Anfälle bekamen. In Fastenzeiten essen die Menschen weniger Kohlenhydrate und Glukose.“ Dort setzt die ketogene Diät an. „Sie ist besonders bei medikamentenresistenten Betroffenen eine sehr gute Methode. Man schätzt, dass bis zu 40 Prozent der Betroffenen davon profitieren können“, so Javidi. Genauso wichtig wie die Ernährung sei auch Bewegung: „Sport senkt nicht generell die Anfallshäufigkeit, verbessert aber unter anderem Begleitsymptome wie Schlaf und Stimmung. Vorsicht sollte jedoch gelten bei Tauchen, Klettern, Motorsport oder Schwimmen ohne Begleitung.“
Ausblick
Weltweit lebten 50 Millionen Menschen mit Epilepsie. Zweidrittel seien medikamentös gut behandelbar. Die Epilepsie trete häufig im Kindes- und Jugendalter zum ersten Mal auf und dann wieder bei Menschen ab 60 Jahren, oft nach Schlaganfällen oder bei Demenz. Medikamentös heilbar ist Epilepsie bislang nicht. Doch Dr. Javidi zeigte sich hoffnungsvoll, was die Forschung an genetischen Therapien betrifft. „Viele Epilepsien haben genetische Ursachen. Genetische Therapien sind aktuell noch in der Forschungsphase. Für die Zukunft verbindet sich damit die Hoffnung, Epilepsien heilen zu können. Das ist aktuell nicht möglich, jedoch hat sich im Umgang mit der Krankheit und deren Therapie in den vergangenen Jahrzehnten sehr viel Positives getan.“
Für ihn schließe Epilepsie deswegen ein erfülltes Leben nicht aus. „Beispiele dafür sind der Schriftsteller Fjodor Dostojewski, der Maler Vincent van Gogh oder auch Julius Caesar. Die Erkrankung definiert nicht den Wert, die Fähigkeiten oder die Zukunft eines Menschen. Epilepsie ist behandelbar. Eine gute Aufklärung, eine passende Therapie und ein realistischer Blick auf den Alltag verbessern die Sicherheit und Lebensqualität vieler Patientinnen und Patienten deutlich.“
- Das nächste Ärzt*innen-Patient*innen-Seminar findet am Dienstag, 1. September, zum Thema Parkinson im Vortragsraum im Erdgeschoss der Hephata-Klinik statt.
- Die Teilnahme ist kostenlos, ohne Anmeldung sowohl für Patient*innen als auch Nicht-Patient*innen des Hephata-MVZs möglich. Nach den Vorträgen und dem Austausch steht ein kostenloser Imbiss mit Fingerfood und Kaltgetränken bereit.
- Nähere Informationen gibt es im MVZ unter Tel.: 06691 18-2003 und E-Mail: anmeldung-schwalmstadt@mvz.hephata.com
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