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Peter Göbel-Braun hat sich über Jahre hinweg mit Nachforschungen zu im Nationalsozialismus abtransportierten und getöteten Menschen mit Behinderungen beschäftigt. (Foto: Hephata Diakonie / Stefan Betzler)

Pressemitteilung —

Hephata-Gedenkbuch: NS-Opfer aus der Anonymität holen

Hephata will mit einem neuen Buch die Menschen aus der Anonymität holen, die während des Nationalsozialismus aus seinen Einrichtungen deportiert und ermordet worden. Das Buch „,Es handelt sich nicht um ein Stück Holz, sondern um mein Kind!‘ – Lebensschicksale hunderter Menschen aus Hephata während der Nazi-Herrschaft. Ein Gedenkbuch“ zeichnet dafür Lebensgeschichten nach. Das Buch wird am Buß- und Bettag der Öffentlichkeit vorgestellt.

„Hephata beschäftigt sich bereits seit Jahrzehnten mit der Aufarbeitung seiner Geschichte. Zu den Ereignissen im Nationalsozialismus lagen Zahlen und Erkenntnisse vor, die ich für das Gedenkbuch noch mal neu recherchiert und analysiert habe. Das Hauptthema des Buches sind Menschen mit Behinderungen, die der nationalsozialistischen Eugenik und Euthanasie ausgesetzt gewesen sind“, sagt Peter Göbel-Braun (76).

Diplom-Pädagoge Göbel-Braun ist Pfarrer im Ruhestand, ehemaliger Direktor der Hephata Diakonie und Mitglied der Diakonischen Gemeinschaft Hephata. Er hat bereits seit Anfang der 1980er Jahre, damals noch als Pfarrer und Dozent für Hephata tätig, gemeinsam mit dem damaligen Leiter der Hephata-Öffentlichkeitsarbeit, Diakon Helmut Thormann, Nachforschungen zu im Nationalsozialismus abtransportierten und getöteten Menschen mit Behinderungen angestellt. Daraus entstand zunächst 1985 die gemeinsame Dokumentation „Verlegt – vernichtet – vergessen…? Leidenswege von Menschen aus Hephata im Dritten Reich“, im Jahr 2022 auch seine Publikation „Getaufte nichtarische Diakone in Hephata 1933-1945“- und nun das Gedenkbuch.

Recherchen in Archiven

„Mit diesem Gedenkbuch soll die Erinnerung an die Opfer wachgehalten werden, sie sollen aus der Anonymität geholt und nicht dem Vergessen preisgegeben werden. Es geht mir dabei vor allem um die Menschen, die aus Hephata mit Sammeltransporten abgeholt wurden, ich vergesse aber auch nicht die Überlebenden, die Bedrohten – und die Täter“, so Göbel-Braun. Vier Jahre hat er an dem Buch gearbeitet, ungezählte Dokumente im Staatsarchiv Marburg, in Archiven des Landeswohlfahrtsverbandes, der Hephata Diakonie und in Kirchenbüchern gesichtet sowie Kontakte zu ehemaligen Heimkindern und Angehörigen intensiviert. „Leider gibt es aus dieser Zeit so gut wie keine Selbstzeugnisse, wenige biografische Interviews wurden erst 50 Jahre später erstellt. Die meisten Klienten konnten nicht lesen und schreiben.“

Das Resultat seiner Recherchen ist eine fast 400 Seiten starke Dokumentation von Namen, oft mit Foto, Lebensdaten und Aufenthaltsorten bis zum Tod oder den letzten nachvollziehbaren Spuren. Dazu werden mehrere Lebensgeschichten kurz und elf Lebensgeschichten detaillierter vorgestellt. Die Dokumentation beginnt bei den Wurzeln Hephatas, da im Nationalsozialismus auch Frauen und Männer bedroht, deportiert und getötet wurden, die schon 1883 in Hephata-Einrichtungen lebten. Damals betrieben noch Diakonissen des Kurhessischen Diakonissenhauses Kassel die „Anstalten Hephata“. Sie veräußerten die Einrichtung 1901 an den Verein Hessisches Brüderhaus, dem Vorläufer Hephatas.

Im Kontext der Zeit

Das Gedenkbuch bedient sich einer chronologischen Reihenfolge, die die Schicksale der Betroffenen in einen geschichtlichen, gesellschaftspolitischen, kirchlich-diakonischen und Hephata-Kontext einbettet. Dabei geht es unter anderem um die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, die Weltwirtschaftskrise ab 1929, die zu deutlichen Einschnitten der Finanzierung von Heil- und Pflegeanstalten führte, um die Weimarer Republik und den Nationalsozialismus, später auch um die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Speziell geht es aber um das nationalsozialistische „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ ab 1934, in dessen Zuge reichsweit 400.000 Menschen als „Erbkranke“ und „Alkoholiker“ zwangssterilisiert wurden. Und um die nationalsozialistische Euthanasie ab 1940, die Tötung von schätzungsweise 300.000 Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen, die vom Regime als „ökonomischer Ballast der Gesellschaft“ und „lebensunwertes Leben“ gesehen wurden.

Transporte aus Hephata

Der erste Sammeltransport verließ Hephata am 21. Juli 1937 mit dem Ziel Landesheilanstalt Haina, mit 52 „schwachsinnigen Männern“. Bis dahin hätten, so Göbel-Braun, im Durchschnitt 550 Menschen pro Jahr bei Hephata gelebt. Zwischen Juli 1937 und April 1939 habe es von Hephata insgesamt 14 Sammeltransporte mit Erwachsenen und Kindern gegeben. Als neue belastbare Zahl hat Peter Göbel-Braun 397 Opfer recherchieren können, davon vier jüdische Menschen, von denen bis Kriegsende nur 150 überlebten.

Die Transporte hätten die staatlichen Landesheilanstalten Haina, Merxhausen und Marburg-Cappel zum Ziel gehabt. Mindestens zwei Kinder aus Hephata seien, so Göbel-Braun, auch in Kinderfachabteilungen gebracht worden. Mit Beginn der Kinder-Euthanasie mussten Ärzt*innen, Hebammen, Kinderkrankenhäuser und Geburtskliniken ab August 1939 Kinder mit Behinderungen an die Gesundheitsämter melden. Den Eltern sei eine spezielle Förderung der Kinder versprochen worden, „tatsächlich dienten die Kinderfachabteilungen der Forschung an und Tötung von Säuglingen, Kleinkindern und später auch Jugendlichen. Vermutlich kamen hier reichsweit 10.000 Kinder ums Leben“, so Göbel-Braun.

Die offizielle Begründung für die vom Landeshauptmann, ein hoher Verwaltungsbeamter im nationalsozialistischen Regime, angeordneten und durchgeführten Transporte aus Hephata seien „planwirtschaftliche Maßnahmen“ gewesen, um die wirtschaftliche Auslastung der staatlichen Heime zu erreichen. „Die nationalsozialistische Euthanasie hat in Deutschland zu Beginn des Jahres 1940 ihren Anfang. Die Sammeltransporte aus Hephata haben bereits vorher stattgefunden, der letzte Transport ist im April 1939 gewesen. Die Heilanstalten Haina, Merxhausen und Marburg-Cappel waren damals keine Tötungsanstalten“, so Göbel-Braun. Jedoch seien viele ehemalige „Schützlinge“ Hephatas dort sehr schlecht ernährt und gepflegt sowie sehr schlecht medizinisch versorgt worden und gestorben. Zudem wurden viele in Tötungseinrichtungen wie Hadamar verlegt. „Die Verlegungen aus Hephata 1937 bis 1939 sind frühe Deportationen im Vorfeld der Krankenmorde“, sagt Göbel-Braun.

Auf Transportlisten standen 460 Namen

Insgesamt recherchierte Göbel-Braun 460 Namen, die bereits auf Transportlisten gestanden hätten oder zum Abtransport aus Hephata vorgesehen gewesen seien. Dies seien neben den Opfern der Sammeltransporte zum Beispiel auch 40 Menschen mit Behinderungen gewesen, die als Haushaltshilfen von Hephata nach draußen in Familien gegeben wurden. Oder auch Kinder und Jugendliche, die nach Hause in die eigene Familie zurück gegeben worden sein – „vielleicht, um sie vor der Deportation zu schützen“. Außerdem vermutet Göbel-Braun, dass bis zu 400 Hephata anvertraute Menschen zwischen 1934 und 1944 im Hephata-Krankenhaus zwangssterilisiert worden sein. Die Zwangssterilisationen fanden auf Anordnung des Erbgesundheitsgerichts Marburg statt, auf Grundlage des reichsweiten „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ ab Januar 1934.

Schutz vor neuen Deportationen

Mit den 14 Sammeltransporten wurde die Zahl der damals von Hephata betreuten Menschen kontinuierlich kleiner. Laut Göbel-Braun seien in den Jahren ab 1937 nur zirka 130 Menschen mit leichteren Behinderungen pro Jahr in Hephata-Einrichtungen verblieben. Ihr Leben sei geprägt gewesen von harter Arbeit, unter anderem in der Wäscherei, Küche, Energieversorgung und Pflege sowie im Hephata-Lazarett. Bei der Neubelegung der Plätze deuteten die Unterlagen darauf hin, dass Hephata versuchte, Menschen mit Behinderungen vor neuen Deportationen zu schützen, so Göbel-Braun. Dies sei möglich gewesen, wenn man die Behinderung als nicht vererbbar habe darstellen können.

„Offizielle Papiere habe ich dazu leider nicht gefunden, aber mit der Bezeichnung ,nicht erbkrank, sondern in der Entwicklung gehemmt‘ wurden Menschen vermutlich durchgemogelt“, sagt Göbel-Braun. Diese Vermutung stützt beispielsweise die damalige Neugründung eines Hephata-Kurheims für an Enzephalitis Erkrankte. Die Erkrankung ist nicht genetisch bedingt und kann mit Behinderungen einhergehen. „Üblicherweise verbrachten Menschen in Kurheimen einige Wochen, hier lebten Menschen oft über Jahre hinweg.“ Auch die damalige Klinik habe in einer neu gegründeten Abteilung für nervenkranke Menschen monatelang unter dem Radar des nationalsozialistischen Regimes aufgenommen. In dieses Schema passe auch ein damals neu gegründetes Altenheim mit 18 Plätzen, in dem auch jüngere Männer gelebt hätten. „Ab 1941 spielte die Genetik bei der nationalsozialistischen Vernichtungsstrategie zwar keine Rolle mehr, aber zumindest bis dahin gerieten diese Menschen nicht in die Tötungsmaschinerie.“

„Wenn wir sie vergessen, vergessen wir uns selbst“

Unter den insgesamt 460 bedrohten, sterilisierten, deportierten oder ermordeten Menschen aus Hephata, die Peter Göbel-Braun im Gedenkbuch vorstellt, finden sich auch Frauen und Männer, deren Namen heute noch auf Straßenschildern des Hephata-Stammgeländes stehen: Dina Zöllner, Adam Martin oder Elisabeth Seitz. Die Mutter einer Ermordeten hat dem Buch das Titelzitat gegeben. Es ist einem Schriftwechsel mit dem Direktor und Obermedizinalrat der Landesheilanstalt Merxhausen entnommen. Die letzte Lebensgeschichte des Gedenkbuches endet im Jahr 2010. Die Auseinandersetzung mit und Einordnung der Recherchen endet mit der Errichtung des Hephata-Mahn- und Gedenkzeichens 1990.

Hephata-Direktor Pfarrer Maik Dietrich-Gibhardt: „Anlässlich des 125-jährigen Bestehens der Hephata Diakonie war uns ein noch genauerer Blick wichtig: Wer waren die Menschen hinter den Zahlen? Welche historischen Einordnungen und Erkenntnisse sind nötig, um zu verstehen, was nicht zu begreifen ist? Das Buch lässt Menschen und Lebensbilder aufscheinen, die zu uns gehörten, die verlegt und teilweise vernichtet wurden – aber nicht vergessen werden sollen. Denn wenn wir sie vergessen, vergessen wir uns selbst.“

  • Das Buch wird nach dem öffentlichen Gedenkgottesdienst am Hephata-Mahn- und Gedenkzeichen, neben der Hephata-Kirche in Schwalmstadt-Treysa, am Buß- und Bettag, Mittwoch, 18. November, vorgestellt. Der Gedenkgottesdienst beginnt um 10:15 Uhr. Die Vorstellung des Gedenkbuches findet ab 11 Uhr in der Hephata-Kirche statt. Prof. Dr. Jan Erik Schulte, Leiter der Gedenkstätte Hadamar und des Fachbereichs Archiv, Gedenkstätten, Historische Sammlungen des LWV Hessen, hält einen Impulsvortrag. Peter Göbel-Braun stellt das Gedenkbuch im Anschluss vor. Danach besteht die Gelegenheit zum Austausch.
  • Das Gedenkbuch ist bei der Veranstaltung am 18. November erhältlich sowie danach im Café 125 auf dem Hephata-Stammgelände, hinter der Hephata-Kirche. Das Café 125 ist dienstags von 13 bis 17 Uhr und sonntags von 11 bis 16 Uhr geöffnet.

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Hephata engagiert sich als diakonisches Unternehmen seit 1901 in der Rechtsform eines gemeinnützigen Vereins für Menschen, die Unterstützung brauchen, gleich welchen Alters, Glaubens oder welcher Nationalität. Wir sind Mitglied im Diakonischen Werk. Hinter unserem Unternehmensnamen steht ein biblisches Hoffnungsbild: während Jesus einen Mann heilt, der taub und stumm ist, spricht er das Wort „Hephata“. (Markus 7, 32-37)

In evangelischer Tradition arbeiten wir in der Jugendhilfe und der Behindertenhilfe, in der Rehabilitation Suchtkranker, in Psychiatrie und Neurologie, in der Heilpädagogik, der Wohnungslosenhilfe, in Förderschulen und der beruflichen Bildung. In unserer Tochtergesellschaft Hephata soziale Dienste und Einrichtungen gGmbH (hsde) bieten wir zudem an mehreren Standorten ambulante und stationäre Hilfen für Seniorinnen und Senioren an.

Wir bilden Mitarbeitende für verschiedene Berufe der sozialen und pflegerischen Arbeit, auch in Kooperation mit der Evangelischen Fachhochschule Darmstadt, aus. Wir legen Wert auf eine theologisch-diakonische Qualifikation.

Hephata Diakonie beschäftigt aktuell mehr als 3.000 Mitarbeitende. Sie arbeiten in unterschiedlichen Berufsfeldern, sind gut qualifiziert und entwickeln die Leistungsangebote zukunftsorientiert weiter. Diakone und Diakoninnen und Interessierte organisieren sich in der Diakonischen Gemeinschaft Hephata.

Hephata Diakonie ist in Hessen und angrenzenden Bundesländern tätig. Der Sitz unseres Unternehmens ist seit Beginn in Schwalmstadt-Treysa.

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